George F. Kennans »Amerika und Russlands Zukunft«

Michael Silnizki. Russlandbild im Lichte der ideologischen Konfrontation des »Kalten Krieges«

Übersicht

1. Der ausgebrochene »Kalte Krieg« (1947-1953)
(a) Geopolitisches und ideologisches Machtumfeld
(b) Russlands »liberale Tradition« als Gegenentwurf zum Sowjetsystem?
(c) Ideologie versus Geopolitik
2. George F. Kennan und »sein« Debattierclub
Raymond Aron (1905-1983)
Fedor Stepun (1884-1965)
David J. Dallin (1889-1962)
Max Beloff (1913-1999)
Wilhelm Röpke (1899-1966)
Boris Shub (1912-1965)
Hubert Ripka (1895-1958)
3. War der »Kalte Krieg« alternativlos?

Anmerkungen

1. Der ausgebrochene »Kalte Krieg« (1947-1953)
(a) Geopolitisches und ideologisches Machtumfeld

Inmitten des ausgebrochenen Kalten Krieges veröffentlichte George F. Kennan einen Aufsatz „America and Russian Future“ in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ (1951). Dieser ins Deutsche übertragene und in der vom amerikanischen Juden polnischer Herkunft und linken Antistalinisten Melvin J. Lasky während der Berlin-Blockade 1948 gegründeten internationalen Zeitschrift „Der Monat“1 publizierte Aufsatz „Amerika und Russlands Zukunft“2 löste eine lebhafte und kontroverse Debatte in den nachfolgenden Heften der Zeitschrift3 aus. Namhafte Autoren nahmen an der Diskussion teil: Raymond Aron, Fedor Stepun, David J. Dallin, Max Beloff, Wilhelm Röpke, Boris Shub, Hubert Ripka und Bertrand de Jouvenel zählten u. a. genauso dazu, wie der Berliner Politiker der jungen Bundesrepublik Ernst Reuter.

Zurzeit der Veröffentlichung herrschte eine ziemlich aufgeheizte Stimmung und eine vor allem im Westeuropa geschürte Angst vor dem bevorstehenden Ausbruch des Dritten Weltkrieges. Die in der Öffentlichkeit weit verbreitete Auffassung, Stalin trachte danach, das besetzte Osteuropa wegen der Anwesenheit der Sowjettruppen dauerhaft zu besetzen und anschließend zu sowjetisieren, die Furcht vor seinem grenzenlosen Expansionsdrang gen Westen und schließlich die Überzeugung, dass jedes totalitäre System letztlich nach der Weltherrschaft strebe, waren die ausschlaggebenden Gründe für eine grassierende antisowjetische Stimmung.

Exponent dieser Denkrichtung war kein geringerer als George F. Kennan, der bereits im Februar 1946 aus Moskau eine als „Langes Telegramm“ bekannt gewordene Interpretation der sowjetischen Außenpolitik lieferte.4 Kennans Telegramm traf – wie man weiß – in Washington auf fruchtbaren Boden. Die vom „Expansionsdrang“ der Sowjets überzeugte „Riga-Schule“5 innerhalb der amerikanischen Diplomatie hatte sich voll und ganz durchgesetzt, „wenngleich Kennan und andere einflussreiche US-Beamte verwandter Denkrichtung beileibe nicht alles guthießen, was in der Folgezeit unter dem Begriff der Containment-Strategie geplant und ausgeführt wurde“. Vor allem in der „Militarisierung“ und grenzenlosen „Universalisierung der Eindämmungsstrategie glaubte der Nestor der amerikanischen Russland-Experten bedenkliche Fehlentwicklungen zu sehen“6.

Wie auch immer, das Axiom vom unbegrenzten sowjetischen Expansionismus gehörte nach den Worten von Wilfried Loth „zu den zentralen Mythen des Kalten Krieges, die durch die konkrete sowjetische Westeuropapolitik nicht zu belegen sind“7. Dass Stalin zudem von Anfang an das Ziel verfolgte, das Osteuropa zu „sowjetisieren“, bestreitet der ehem. sowjetische Diplomat Georgij M. Kornienko (1925-2006) entschieden in seinen 1995 erschienenen Memoiren „Der Kalte Krieg“8. Zu Recht?

Nach dem unerwarteten Ableben des 32. US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 12. April 1945 übernahm Harry S. Truman die US-Präsidentschaft und vollzog rasch mit seinem bekannt gewordenen, an die Adresse des Außenministers James F. Byrnes (1882-1972) am 5. Januar 1946 gerichteten Spruch: „I`m tired of babying the Soviets“ eine außenpolitische Kurskorrektur. Von nun an dürfte es weder Kompromisse noch Kooperation mit Stalin in der Sicherung des Weltfriedens mehr geben, stattdessen eine Außenpolitik, „die auf dem Axiom eines potentiellen weltweiten sowjetischen Expansionismus basierte“9. Die außenpolitische Kurskorrektur ging also von der amerikanischen und nicht von der sowjetischen Seite aus. „Während die amerikanische Regierung ihre Interessen durchzusetzen suchte und Konfliktlösungen nur noch in Form von Zugeständnissen der sowjetischen Seite erwartete, räumte die sowjetische Regierung zwar der Konsolidierung ihres Hegemonialbereiches Priorität ein, blieb aber im übrigen bis in den Herbst 1947 hinein um die Herstellung eines kooperativen Verhältnisses zu den USA bemüht“10. Mit Verweis auf den am längsten amtierenden sowjetischen Außenminister aller Zeiten Andrej A. Gromyko (1957- 1985), den er auch persönlich kannte, bestätigt Kornienko indirekt Loths Ausführungen, wenn er schreibt, dass Stalin „an einer nach dem Krieg langfristig angelegten Kooperation mit dem Westen, vor allem aber mit den USA“, interessiert war11.

In dem anbahnenden Machtkampf erblickt Loth zuallererst einen (geo)ökonomischen Konflikt der beiden Supermächte: Denn „Freihandel“ und „liberale Prinzipien“ widersprachen fundamental den Interessen „der sowjetischen Mobilisierungsdiktatur an einer Abschirmung gegen diese Prinzipien und gegen den ökonomischen Vormarsch der USA“. Dieser Gegensatz musste allerdings – und hier hat Loth12 durchaus recht – nicht unbedingt zu „einer Teilung der Welt in einander absolut feindlich gegenüberstehende Machtblöcke“ führen. In Anbetracht der ökonomischen und militärischen Überlegenheit hatten die USA alle nur denkbaren Möglichkeiten, das Verhältnis zum Sowjetsystem konstruktiv zu gestalten. In der alleinigen Macht der USA lag es auch die berechtigten sowjetischen Sicherheitsinteressen vor allem in Osteuropa anzuerkennen. Indem sie die Sicherheitssphäre der Sowjets de facto nicht anerkannte und „die atomare und wirtschaftliche Überlegenheit, wenn auch vergeblich, zur Revision der in Osteuropa geschaffenen Lage einzusetzen versuchte“13, löste sie eine ideologisch motivierte und legitimierte Eskalationsspirale aus, die zu gegenseitigen Missdeutungen und Missverständnissen führte: Die eine Seite missinterpretierte die Sicherheitspolitik als „Beleg für prinzipiell unbegrenzten sowjetischen Expansionismus und reagierten mit der Verweigerung weiterer Kooperation; die andere missdeutete eben diese Kooperationsverweigerung als „Beleg für einennotwendigerweise aggressiven Charakter des expandierenden US-Kapitalismus und reagierte mit weiterer Verhärtung ihrer Sicherheitspolitik“14. Dieser Circulus vitiosus bestand im Grunde bis zum Ende des „Kalten Krieges“.

Heute sehen wir ebenfalls eine vergleichbare US-amerikanische Eskalationsspirale, welche die Sicherheitsinteressen der Großmächte China und Russland komplett ignoriert, die wachsenden Spannungen bewusst in Kauf nimmt und den eigenen geopolitischen Expansionsdrang ideologisch camoufliert. Das Gefühl der eigenen Unangreifbarkeit sowie der ökonomischen und militärischen Überlegenheit war allerdings weder heute noch zurzeit des Kalten Krieges von langer Dauer:

(1) Nachdem die Sowjets ihren atomaren Sprengsatz (im August 1949) gezündet und Mao Tse- tung am 1. Oktober 1949 die Gründung der Volksrepublik China ausgerufen hat, waren die USA besorgt und verunsichert zugleich. Auch dem Triumphalismus des Westens unter Führung des US-Hegemons in den 1990er-Jahren und dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts folgte mit einem fulminanten ökonomischen Aufstieg Chinas und dem militärisch erstarkten Russland eine geopolitische und geoökonomische Ernüchterung.

(2)  Der „heiße“ Krieg in Asien bescherte den USA nicht nur Krisensituationen in der Straße von Formosa (1954 und 1958) und „verwickelte sie in Frankreichs Kolonialkrieg in Indochina (1946- 1954), sondern führten Amerika in den fünfziger und sechziger Jahren unter dem Banner einer leichtfertig globalisierten und militarisierten Containment-Strategie auch noch in einen langjährigen direkten Kriegseinsatz in Südostasien, der nach hohen Kosten an Menschenleben und Material mit einer für die USA demütigenden Niederlage endete“15. Auch die sog. „humanitären Interventionen“, die bereits gut 20 Jahre (seit dem Kosovo-Krieg) andauern und mit dem Afghanistan-Abzug hoffentlich zum Abschluss kommen, sind heute – wenn nicht militärisch, so doch geoökonomisch und geopolitisch – gänzlich gescheitert.

(3)  Der im Namen der Universalideologie von Demokratie und Menschenrechten weltweit und insbesondere gegen China und Russland geführte ideologische Informationskrieg erinnert heute ebenfalls stark an den McCarthyismus. „Die Hexenjagd des sogenannten McCarthyismus schuf eine emotionsgeladene, vergiftete Atmosphäre, in der sich der seit 1946 entstandene (großenteils von der Truman-Administration auch bewusst erzeugte) außenpolitische Verhaltensstereotyp gegenüber der Sowjetunion und der von ihr angeblich gesteuerten kommunistischen Weltverschwörung verfestigte“16.

Der außenpolitische Konfrontations- und Eskalationskurs der USA führt auch heute in eine Sackgasse und ist weder originell noch hat er eine Zukunft.

(b) Russlands »liberale Tradition« als Gegenentwurf zum Sowjetsystem?

Vor dem Hintergrund der aufgeheizten Stimmung des ausgebrochenen Kalten Krieges und der Gefahr eines militärischen Zusammenpralls der ehem. Kriegsverbündeten und Siegermächte des Zweiten Weltkrieges und jetzigen Rivalen um die Vorherrschaft in der Nachkriegswelt macht Kennan in seinem Artikel eine aufschlussreiche und zukunftweisende Voraussage, dass nämlich die kommunistische Periode der russischen Geschichte „ein sowjetisches Zwischenspiel“ bleiben und „die Sowjetmacht“ sich eines Tages totlaufen werde (343).

Genau 40 Jahre nach der Veröffentlichung des Artikels ging diese Voraussage tatsächlich in Erfüllung. Wie begründet Kennan nun seine Untergangsprophetie? Mit der fehlenden Stabilität des Systems! „Ein System, das sich auf die Schwächen und das Böse in der menschlichen Natur stützt, kann keine echte innere Stabilität besitzen; ein System, das versucht, seine Existenz auf die Erniedrigung des Menschen zu gründen . . . – ein derartiges System entspricht nur der grenzenlosen Enttäuschung und Verbitterung der Generation, die es geschaffen hat und dem eisigen Terror derer, die aus Schwäche oder Dummheit zu seinen Werkzeugen wurden . . . Viele Diener der totalitären Macht, die sich selbst tiefer als ihre Opfer erniedrigt haben und sich klar darüber sind, dass sie sich jeden Weg in eine bessere Zukunft versperrt haben, mögen sich verzweifelt an ihre unseligen Posten und Ämter klammern. Aber der Despotismus kann von der Furcht seiner Kerkermeister und Henker allein nicht leben; er bedarf als treibender Kraft eines starken politischen Willens“ (350).

In diesen Worten offenbart Kennan sich als ein von Entsetzen und Abscheu ergriffener Antistalinist, hat er doch selber als Diplomat in Moskau (1933-1937) unmittelbar und hautnah den Stalin-Terror erlebt. Gleichzeitig warnt Kennan all diejenigen, „die von einem Sturz des Sowjetsystems durch Propaganda“ (352) träumen, davor, dies auch nur zu versuchen. Eine „nachhaltige Wandlung im Denken und Handeln einer russischen Regierung wird zunächst nicht durch Beeinflussung oderRatschläge von außen zustande kommen“ (352). Auch in diesem Punkt hat die Geschichte Kennan recht gegeben.

Zugleich entwickelt er in seinem Aufsatz eine Theorie von einem „anderen Russland“ als Alternativvorstellung sowohl zum Sowjetsystem als auch zum sinnlosen Krieg. Zwar könnte ein „Krieg mit der Sowjetmacht, dessen Ausgang in militärischer Hinsicht noch als relativ günstig für den Westen“ erscheint, erfolgreich beendet werden; er würde aber „an sich nur wenig oder gar nicht zur Realisierung jenes >Anderen< beitragen, das wir für Russland zu erreichen hoffen“ (339). Es wäre besser – so Kennan – über „das Bild eines anderen, eher zu akzeptierenden Russlands“ nachzudenken, „das für uns Amerikaner ein reales und erstrebenswertes Ziel wäre“, als „Gedanken an einen eventuellen Krieg“ zu verschwenden (339).

Was bedeutet aber dieses erhoffte „Andere“? Von welchem „anderen“ im Gegensatz zum Sowjetrussland träumt Kennan? Nun stellt er zunächst unmissverständlich klar, was Russland nicht sein kann. „Es wäre kein kapitalistisches und liberal-demokratisches Land mit Institutionen ähnlich denen unseres eigenen Landes“, weil „Russland ein privates Unternehmertum in dem Sinne, wie es uns in Amerika vertraut ist, kaum jemals kennengelernt hat“ (340). Von diesem negativen Verdikt ausgehend, kommt Kennan zu einer sonderbaren Feststellung, dass „ein liberal-demokratisches Russland“ zwar „nicht erwartet werden kann“, was „nicht oft genug betont werden (kann)“. „Künftige russische Regierungen“ brauchen aber deswegen „nicht illiberal zu sein“ (342). Eine Art >illiberale Liberalität<? Was soll das denn heißen? „Die liberale Tradition innerhalb Russlands“ – lesen wir weiter – „kann sich mit derjenigen der anderen Länder durchaus messen. Viele Einzelpersonen und Gruppen sind noch heute tief durchdrungen von dieser Tradition und würden alles tun, um sie zum dominierenden Element der Zukunft zu machen“ (342).

Wirklich? Von welcher „liberalen Tradition“ Russlands ist hier überhaupt die Rede? Und gab es eine solche Tradition? Kennan wirft hier wichtige und richtige Fragen auf und stellt gleichzeitig Behauptungen auf, ohne sich die Mühe zu geben, sie in irgendeiner Weise zu begründen. Dieses Thema ist aber heute sogar viel aktueller und relevanter, als es Anfang der 1950er-Jahre der Fall gewesen war, und es ist an der Zeit, mit dem Mythos von einer „liberalen Tradition“ Russlands gründlich aufzuräumen. Es gibt keine russische „liberale Tradition“ im Sinne einer „russischen Rechtstradition“. Die beiden Begriffe sind synonym zu gebrauchen, weil man nur in diesem Sinne von einer liberalen Tradition überhaupt sprechen kann.

Die neuzeitliche Rechtsentwicklung, die sich in Westeuropa seit dem 16./17. Jahrhundert in verschiedenen Etappen und in einem allmählichen Prozess vollzieht, hat die russische Rechtsgeschichte nie (!) nachvollzogen. Das Recht der Neuzeit zielte darauf ab, die Freiheitssphären der Individuen gegeneinander abzugrenzen, ohne dass es über den Inhalt der Freiheit befinden bzw. allgemeinverbindlich sanktionieren sollte. Recht wird hier zum funktionalen Steuerungsinstrument politischer, sozialer und wirtschaftlicher Prozesse. Anderes formuliert: Das Recht wird funktional bestimmt und nicht sittlich begründet. „Dieser funktionale Rechtsbegriff ist der Preis der allgemeinen, emanzipierten Freiheit. Wenn man diese Freiheit will, ist es unausweichlich, das Recht funktional zu reduzieren“17.

Das fehlende funktionale Rechtsverständnis und das Unvermögen bzw. der Unwille, das Recht allein reduktionistisch und nicht sittlich (oder ganzheitlich17a) aufzufassen, wodurch sich die Rechtsfunktionalität erst überhaupt konstituiert, zeichnen die russische Rechtstradition aus. Diese Rechtsfunktionalität wird gerade vom russischen Denken jeder Couleur als rein „formalistisch“ und „rationalistisch“ missverstanden und schließlich verworfen.

Was wir vielmehr im Russland des 18./19. Jahrhunderts vorfinden, ist etwas ganz anderes. Die Russen selber bezeichnen Lehre vom „Recht“ weder Rechtslehre noch Rechtskunde oder Rechtswissenschaft, sondern „Gesetzeskunde“ (zakonovedenije).

Noch im Jahre 1868 sah sich Konstantin P. Pobedonoscev (1827-1907) – „der Staatsmann der Reaktion unter Alexander III.“18 – im Vorwort seines einflussreichen, dreibändigen Lehrbuchs des Zivilrechts („Kurs graždanskogo prava“. Sanktpeterburg 1868, č. 1, t. 1, V) dazu veranlasst, sich dafür zu entschuldigen, dass er das lateinische Adjektiv „juristisch“ allein aus Verlegenheit ins Russische mit dem „grässlichen“ Wort „pravovoj“ (rechtlich) übertragen hat. „Im Übrigen“ – fügte er mit Verweis auf seine eigene Übersetzung der juristischen Terminologie selbstkritisch hinzu -, „wie schwer es auch sein mag, die fremden Termini in die eigene Sprache zu übertragen, viel besser wäre es doch, sie – statt mit den grauenhaften Worten zu übersetzen – unübersetzt zu gebrauchen“.

Dieses Zakonovedenije ist der genuin russische Ausdruck für eine „Rechtskultur“ (genauer: Gesetzeskultur), die mit einer liberalen Tradition neuzeitlicher Prägung nicht im Geringsten etwas zu tun hat. Erst mit einer zunehmenden Entwicklung des Professorenrechts an den Universitäten des Russischen Reiches seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts beginnt man in Anlehnung an das importierte westliche, überwiegend deutsche Rechtsdenken von Recht (pravo) und Rechtswissenschaft (nauka prava) zu sprechen. Ein geliehenes Rechtsbewusstsein macht aber noch keine russische liberale Tradition aus. Das Recht will geübt und praktiziert werden; es bildet sich weder „im luftleeren Raum“ noch „in der stillen Stube der Gelehrten. Die Rechtnorm muss nicht nur im Widerstreit der sozialen Interessen erkämpft werden, sie muss auch gegen widerstrebende Mächte durchgesetzt und angewendet“19 werden. Genau dieser „Kampf ums Recht“ (Rudolf von Jhering) fand in Russland nie (!) statt. Was tatsächlich stattgefunden hat und heute immer noch stattfindet, ist ein immerwährender Kampf um die Macht auf der Grundlage der Macht und nicht um das Recht auf die Macht auf der Grundlage des Rechts.

(c) Ideologie versus Geopolitik

Nun macht Kennan in seinem Artikel eine bemerkenswerte, weil zukunftweisende Empfehlung an die Adresse des Westens, die heute genauso aktuell wie damals ist: Den „Mitgliedern künftiger russischer Regierungen wäre nicht damit gedient, wenn wohlmeinende, aber doktrinäre und ungeduldige Freunde aus dem Westen, nur weil sie Anderes und Besseres in Russland zu sehen wünschen als den heutigen Bolschewismus, in kürzester Frist von ihnen einen russischen Abklatsch der westlichen Demokratie in ihrer Idealform erwarten würden“ (343).

Vor allem müssen die Amerikaner – fügt Kennan hinzu – aufhören, „andere Menschen danach zu beurteilen, in welchem Maße sie es fertigbringen, sich uns anzugleichen“. Denn unsere Institutionen seien für die andere soziale Struktur oder Regierungsform nicht immer geeignet, „ohne dass sie deswegen kritisiert zu werden verdient . . . Regierungsformen werden vornehmlich im Feuer der Praxis geschmiedet, nicht im luftleeren Raum der Theorie . . . Wenn sich aber eines Tages die Sowjetmacht totgelaufen hat . . ., dann sollten wir die Nachfolger nicht ständig nervös mit unseren Gedanken umkreisen und nicht durch tägliche Experimente festzustellen suchen, ob sie nach unserer Auffassung >demokratisch< regieren. Man lasse ihnen Zeit, man gestatte ihnen, Russen zu sein und ihre internen Probleme auf ihre Weise auszuarbeiten . . . Wohl gibt es . . . bestimmte Züge eines künftigen russischen Staates, an denen die übrige Welt ein berechtigtes Interesse hat. Die Regierungsform selber jedoch gehört nicht dazu oder doch nur insofern, als man verlangen kann, dass sie sich in gewissen, fest umrissenen Grenzen hält, jenseits derer der Totalitarismus liegt“ (343).

Diese erstaunliche, bereits vor 70 Jahren geäußerte Geisteshaltung ist heute nicht nur aktueller und moderner denn je; sie sollte auch zur ideologiefreien Grundlage der westlichen Außen- und Geopolitik gegenüber Russland werden. Auf einen Nenner gebracht, lautet Kennans Vision von Russlands Zukunft: Im Falle der Abwendung Russlands vom sowjetischen Totalitarismus sollte man die Russen verfassungspolitisch Russen sein lassen. Kennans Vision von „einem Russland der Zukunft“ wird vordem Hintergrund eines ideologisch erbittert geführten Propagandakrieges zwischen dem Westen und dem Sowjetsystem geführt. Drei Bedingungen müssen seiner Meinung nach erfüllt werden, damit das „Russland der Zukunft“ Wirklichkeit wird: Der „Eiserne Vorhang“ muss überwunden, eine zügellose Machtausübung eingeschränkt und schließlich „das alte Spiel imperialistischer Expansion und Unterdrückung als verderblich und unwürdig“ aufgegeben werden (347).

Würde „ein neues Russland“ diese Bedingungen erfüllen, dann bräuchten sich „die Amerikaner über seine Wesensart und Ziele weiter keine Gedanken zu machen“ (347). Kennans Gedankengang, der primär ideologisch und nicht macht- bzw. geopolitisch geprägt ist, kommt an dieser Stelle deutlich zum Vorschein. Kennan ist der festen Überzeugung, dass „früher oder später, allmählich oder mit einem Schlage dieses entsetzliche System der Gewalt, das ein großes Volk in seinem Fortschritt um Jahrzehnte zurückgeworfen und wie ein Schatten über die zivilisatorischen Bestrebungen der übrigen Welt gelegen hat, als lebendige Wirklichkeit“ zu existieren aufhört. „Es wird dann nur noch als geschichtliches Faktum weiterleben“ (351).

Kennan ist ein überzeugter Antistalinist – ein Idealist und kein Geopolitiker, der das System (nicht das Imperium) zwar ideologisch überwinden will, machtpolitisch aber nicht weiterdenkt, da er die geopolitische Tragweite seines „neuen Russlands“ komplett ausblendet. Das ist die entscheidende Schwäche seiner „Theorie“ vom „Russland der Zukunft“. Seine Affinität zur russischen Kultur erklärt ebenfalls diese geopolitische Blindheit19a. Er versteht nicht, dass – wenn das (sowjetische) System überwunden wird – auch das (sowjetische) Imperium auseinanderbricht. Das haben manche Ideologen diesseits und jenseits der geopolitischen Barrikade bis heute nicht verstanden.

2. George F. Kennan und »sein« Debattierclub

Raymond Aron (1905-1983)

Kennans Artikel stieß auf große Resonanz in den Gelehrtenkreisen ebenso, wie in der breiten Öffentlichkeit der „freien Welt“, und löste eine regelrechte Kontroverse aus. Gleich zu Beginn seines Diskussionsbeitrages unterstellte der französische Publizist und Philosoph Raymond Aron (1905-1983) in Anlehnung an Paul Valérys Spruch: „Der Mensch geht rückwärts in die Zukunft“ Kennans Leitgedanken in mancher Hinsicht „eine Revision der von den Alliierten gegenüber Hitler-Deutschlandeingenommenen Haltung“. Im Gegensatz zur „Kollektivschuld des deutschen Volkes“ lehne Kennan nicht nur ab, „das russische Volk in seiner Gesamtheit für das bolschewistische Regime verantwortlich zu machen, sondern spricht sogar von der Größe des russischen Volkes“ und warnt zugleich seine Landsleute „vor dem Trugschluss, es gebe für alle Völker nur einen einzigen Weg zum Heil“20. Kennan wende sich laut Aron entschieden gegen die Illusion, den sowjetischen Totalitarismus „durch einen totalen Krieg lösen zu wollen“.

Aron stimmt diesen Überlegungen aus zwei Gründen vorbehaltlos zu: Er lehnt zum einen wie Kennan „den für die amerikanische Außenpolitik so bezeichnenden Kreuzzugsgeist“ ab, nämlich „den Hang, im augenblicklichen Feind das einzige Hindernis auf dem Weg zu einer friedlichen Welt zu erblicken“ sowie „die Überzeugung, das Gute müsse sich nach Beseitigung des Bösen von selbst wiederherstellen“. Zum anderen verwirft er „die Neigung, in den amerikanischen Institutionen das Maß aller politischen Werte zu erblicken“. Kennans Artikel sei nämlich „in gewissem Sinne eine Reaktion auf diesen Geist“ (51). Da der Dritte Weltkrieg in aller Munde war, sinniert auch Aron über einen Erfolg oder Misserfolg des Abenteuers. Er schließt zwar den US-amerikanischen Sieg nicht aus, wendet aber ein: In diesem Falle würde das Weltreich der USA „eher über ein Ruinenfeld als über eine menschliche Welt“ herrschen.

Nun spricht Aron drei Themen: Totalitarismus, Weltpolitik und Systemtransformation an, über die sich seiner Meinung nach zu diskutieren lohnt.

(1) Beim Totalitarismus-Thema interessiert ihn neben dem Nationalitätenproblem vor allem die Frage nach der Ergründung des „sowjetischen Imperialismus“, inwieweit nämlich dieser „auf den Kommunismus einerseits und die moskowitische Tradition andererseits zurückgeht“. „Man hat sich häufig gefragt“ – sinniert Aron -, „bis zu welchem Grade liberale Methoden mit der Erhaltung der territorialen und staatlichen Einheit des zaristischen oder bolschewistischen Reiches vereinbar seien. Denn sobald die Herrschaft Moskaus auch nur die geringste Erschütterung erfährt, drohen die zentrifugale Kräfte innerhalb Russlands die Überhand zu gewinnen“. Zwar gibt es „eine Kontinuität zwischen dem großrussischen Imperialismus der Zaren und dem Imperialismus der Stalinisten“; „in seinem Wesenskern scheint mir“ aber – so Aron – „der stalinistische Imperialismus anderer Natur als jener der Romanows zu sein“ (52). Was diese „Natur“ genau ist, darauf geht Aron nicht ein. Offenbar sah er sich nicht imstande, „die Quellen und den Sinn des russischen Kommunismus“ (Nikolaj Berdjaev) zu >enträtseln<.

(2) Was die weltpolitischen Entwicklungen angeht, so warnt Aron davor, die Gefahr eines neuen Krieges allein den Sowjets in die Schuhe zu schieben. „Hauptursache der gegenwärtigen Krise“ liegen vielmehr nach seiner Überzeugung in den „Folgen des zweiten Weltkrieges“. Ganz gleich, „welchen Charakter das russische Regime hat, die augenblickliche Teilung Europas wäre auf Dauer nahezu unerträglich. Ein Staat, der sich mit militärischen Mitteln der Hälfte Europas bemächtigt hat, wird eines Tages vor der Entscheidung zwischen weiterer Expansion und Rückzug stehen. Es wäre deshalb falsch, bei der Frage: Krieg oder Frieden? Immer nur an Moskau . . . zu denken. . . . Der zweite Weltkrieg hat eine Situation hinterlassen, die zu überwinden man nur mit Hilfe eines dritten Weltkrieges für möglich halten könnte“.

(3) Auf die Möglichkeit einer friedlichen Transformation des Sowjetsystems lässt er sich zwar nicht ein, gib aber zu Protokoll, dass er „in diesem Punkte weniger optimistisch“ als Kennan sei. Dem Westen seien kaum Mittel an die Hand gegeben, um eine solche Transformation herbeizuführen; er sei aber auch nicht zur Defensive verurteilt und müsse nicht „regungslos auf die Katastrophe bzw. den Sturz des stalinistischen Regimes warten . . . Es wäre nur falsch, alle Aufmerksamkeit dem Zentrum des sowjetischen Reiches zuzuwenden, während in Wahrheit die Vorgänge in den Pufferzonen zwischen Ost und West über das Ausmaß des Konflikts entscheiden“.

Der Diskussionsbeitrag eines französischen Gelehrten ist bemerkenswert, bildet er doch nicht nur die Rahmen für die nachfolgende Diskussion und umfasst nicht nur im Wesentlichen beinahe alle Themen der anschließenden Kontroverse, sondern macht auch auf die wahrscheinlichen Entwicklungen in Osteuropa und die möglichen Strukturveränderungen des Sowjetsystems treffsicher und zukunftweisend aufmerksam.

Fedor Stepun (1884-1965)

Der von Lenin 1922 nach Deutschland ausgewiesene russische Intellektuelle Fedor Stepun (1884- 1965) nahm mit einer großen Genugtuung Kennans Aufsatz zur Kenntnis. Im Gegensatz zu vielen anderen Zeitgenossen im Westen, die sich durch die „grobe Unkenntnis“, einen „politischen Dilettantismus“, „nebulöse Schwärmerei“, einen „wirklichkeitsfremden Utopismus“ und „intellektuellen Snobismus“ auszeichnen, „um das wahre Bild Sowjetrusslands zu entstellen“, wird „jeder Russe, der kein Bolschewik ist,“ Kennans Ausführungen „mit unbedingter Zustimmung und aufrichtigem Dank lesen“21. Was Stepun so begeistert hat, ist eine klare Trennung zwischen dem russischen Volk und „der bolschewistischen Regierung“, woraus sich „für Kennan die Folgerung ergab, dass ein Sieg über das Sowjetsystem nur im Bunde mit dem russischen Volke möglich ist“ (54).

Als Russlandkenner hebt Stepun insbesondere Kennans Weigerung hervor, Russland westliche Verfassungsvorstellungen oktroyieren zu wollen, da diese unweigerlich nur zum „Abklatsch der westlichen Demokratie“ für das „Russland der Zukunft“ führen könnte und – wie wir nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems erleben durften – auch geführt hat. Allerdings wehrt sich Stepun als entschiedener Gegner des Sowjetkommunismus gegen Kennans „Ablehnung der amerikanischen Einmischung in den Befreiungskampf Russlands gegen den Bolschewismus“ und vor allem gegen „seine Grundthese: die Befreiung Russlands kann nur von den Russen selbst ausgehen“. Stepuns ausdrückliche Bejahung der westlichen Einmischung in die innerrussischen Angelegenheiten findet bis heute – wie man weiß – zahlreiche Anhänger in den sog. russischen „liberalen Kreisen“. Er plädiert vielmehr dafür, die Russen „von dem Gefühl der lähmenden Ohnmacht“ zu befreien, indem man „für die Schaffung eines neuen revolutionären Geistes“ gegen den sowjetischen Totalitarismus Sorge trägt (56).

David J. Dallin (1889-1962)

Der 1922 nach Deutschland und dann später über Polen 1939 in die USA emigrierte ehem. Menschewik David J. Dallin (1889-1962) nahm im Gegensatz zu Fedor Stepun zustimmend Stellung zu Kennans Ablehnung der westlichen Einmischung in die innerrussischen Angelegenheiten. Nach der westlichen Intervention in das gerade im Entstehen begriffene Sowjetrussland (1918-1920) und nach Hitlers Eroberungskrieg lehnt der Westen es mittlerweile ab – glaubt Dallin zu wissen -, „nach kommunistischen Muster Kreuzzüge für eine Universaldemokratie zu führen“. „Nicht-Intervention blieb der politische Kurs der Westmächte gegenüber Russland seit 1920“22.

Kennan habe vollkommen recht, wenn er vor einem Krieg mit der Sowjetunion warnt. Aber selbst ein Krieg kann kaum ein Problem lösen. Denn es wäre „trügerisch zu glauben, dass ein demokratisches System von einem Sieger nach Russland importiert werden könnte. . . . Außerdem darf nicht vergessen werden, dass Russland niemals durch fremde Armeen besetzt werden kann“, zumal Demokratie „sich in verschiedenen Formen entfalten (kann)“.

Bemerkenswert ist auch Dallins Äußerung zur zukünftigen Wirtschaftsverfassung Russlands. Sie werde unter welcher Regierungsform auch immer maßgeblich vom Staat dominiert, weil „in Russland das System einer universalen Privatwirtschaft nicht eingeführt werden wird. Das Privateigentum wird nur in der Landwirtschaft und im Kleinhandel zurückkehren; auf anderen Wirtschaftsgebieten dagegen wird die Privatwirtschaft kaum oder nur in beschränktem Ausmaß wiederhergestellt werden“ (60). Wahrlich eine prophetische Vision!

Eingehend setzt sich Dallin mit dem Nationalitätenproblem im Zusammenhang mit der russischen imperialen Tradition und den geopolitischen Bestrebungen der Gegner, das Sowjetimperium weitgehend aufzuteilen, auseinander. In Übereinstimmung mit Raymond Aron, der von der Unterdrückung der Völker Mittel- und Osteuropas sowie der zahlreichen nichtrussischen Völkerinnerhalb Sowjetrusslands gesprochen und darum deren „Freiheitsdrang“ zu unterstützen aufgerufen hat (52), thematisiert Dallin „die Theorie“, die „den russischen Staat ebenso wie den Sowjetstaat als wahres Monstrum der nationalen Unterdrückung und die Russen als ein von Natur aus gewalttätig veranlagtes Volk betrachtet“. Diese Metapher von einem „von Natur aus gewalttätig veranlagten Volk“ durchzieht die ganze Debatte und wird sowohl zwecks der Unterstellung eines sowjetischen Expansionismus als auch zum Vorwurf der Unterjochung aller Völker, um die sowjetische Weltherrschaft zu errichten, missbraucht. „Solange Russland besteht, so lautet die Theorie dieser Leute, wird es immer danach streben, andere Völker zu unterjochen und ihrer Freiheit zu berauben.“ Deshalb müsse das Sowjetimperium verschwinden und unter seinen vielen Nationalitäten aufgeteilt werden. „Als einer der Überreste des alten Gebildes soll dann das großrussische Volk tiefer in den Osten zurückgedrängt werden, während eine Anzahl von Pufferstaaten wie Polen, Weißrussland und die Ukraine zusammen mit den drei baltischen Ländern die Aufgabe übernimmt, den Westen vor einer neuen russischen Aggression zu bewahren“ (61).

Was Dallin hier als „Theorie“ bezeichnet, ist nichts anderes als die bereits 1950 entworfene Geostrategie des Rollback der US-amerikanischen Außenpolitik in der frühen Phase des Kalten Krieges. Diese Geostrategie des Kalten Krieges ist heute längst zur geopolitischen Realität geworden. Auf die Geostrategie der US-Außenpolitik geht Kennan – stellt Dallin allerdings irritiert fest – gar nicht ein, „indem er einfach darüber hinwegsieht. Und wie es scheint, wird diese Ablehnung einer entschiedenenStellungnahme jetzt in Amerika zum offiziellen Kurs. Dies scheint mir“ – so Dallin – „eine Schwäche zu sein, sowohl in den Ausführungen George Kennans als auch in der offiziellen Haltung“ (61).

Vor dem Hintergrund dieser Verschleierungstaktik der US-Geostrategen des Kalten Krieges ist Kennans komplette Ausblendung der US-Geopolitik in der Tat nicht nur eine entscheidende Schwäche seiner Ausführungen, sondern macht auch seine Vision von Russlands Zukunft völlig unglaubwürdig. Das erkannt zu haben, ist das große Verdienst von David J. Dallin.

Max Beloff (1913-1999)

Der britische Historiker russisch-jüdischer Herkunft Max Beloff (1913-1999) begrüßte ebenfalls mit Nachdruck Kennans Veröffentlichung. Im Mittelpunkt seiner Stellungnahme steht eine Auseinandersetzung mit der „aggressiven und expansionistischen kommunistischen Ideologie“, die es zu überwinden gilt. Das setzt wiederum ein Systemwechsel voraus, der sich in Russland selbst „von innen heraus vollziehen muss“. Beloffs Stellungnahme ist im Großen und Ganzen wenig ergiebig und originell. Sie beruft sich meistens „auf eine so anerkannte Autorität wie Kennan“ als Theoretiker der Eindämmungspolitik, der in seinen Augen eine hohe Glaubwürdigkeit genießt (62 ff.).

Wilhelm Röpke (1899-1966)

Im Gegensatz zu Max Beloff holt der bekannte Ordoliberale der Nachkriegszeit Wilhelm Röpke (1899- 1966) mit seiner Stellungnahme zum Rundumschlag gegen das Sowjetsystem und vor allem gegen die Sowjetideologie aus. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen setzt Röpke sich intensiv mit der „alles beherrschenden Spannung zwischen Sowjetrussland und der freien Welt“ auseinander, deren Lösung man in zwei extremen Antworten erblickt: Eindämmungspolitik oder Kriegsführung. Die beiden „Extreme“ lehnt Röpke ab. Die Eindämmung bedeute, „den Weltfrieden auf der Grundlage eines status quo zu stabilisieren“, und das heißt: „dem eindeutig auf absolute Weltherrschaft ausgehenden Sowjetreich“ die Möglichkeit zu geben, „den Westen durch eine ständige Unberechenbarkeit in Atem zu halten und zu erschöpfen“. „Containment“ bedeute heute die westliche Diskreditierung der eigenen „politisch-moralischen Prinzipien“, indem der Westen „sich mit der Verknechtung der halben Welt ruhebedürftig abfindet“. Wer heute die Eindämmungspolitik empfehle – empört sich Röpke -, beweise nur, „dass er die ungeheure Dynamik des kommunistischen Pseudo-Islams noch immer nicht begriffen hat“23.

Röpkes regelrechte Verabscheuung der Eindämmungspolitik ist allein moralisch-ideologisch fundiert. Die verabscheuungswürdige kommunistische Bestie, die allein auf „absolute Weltherrschaft“ hinaus sei, müsse nicht eingedämmt, sondern ausgerottet werden. >Hoch lebe der Krieg<, würde man vermuten. Mitnichten! „Hier ist der Punkt“ – so Röpke -, „an dem George F. Kennan in seinem Aufsatz“ mit Verweis auf einen dritten Weg einsetzt. Die militärische Entscheidung sei nicht erforderlich, solange die Hoffnung bestehe, dass Russland sein totalitäres Regime beseitige oder soweit verändere, „dass der – aus Messianismus oder aus Angst oder aus beiden zu erklärende – russische Ausdehnungsdrang verschwindet“ (66).

Die ganze Debatte dreht sich – wie man sieht -, wie verhext, immer und immer wieder um ein und dieselbe allein ideologisch geleitete und geopolitisch ausgeblendete Triade: „Totalitarismus“, „Expansionismus“ und „Weltherrschaft“: Totalitarismus bedeutet Expansionismus, Expansionismus führt zur Weltherrschaft, Weltherrschaft setzt wiederum Totalitarismus voraus. Und alles dreht sich immer und immer wieder in diesem selbstkonstruierten und ideologisch motivierten Kreislaufschema. Aus diesem circulus vitiosus des Kalten Krieges gibt es ideologisch bis zu seinem Ende kein Entkommen mehr. Sieht man von dieser Selbsthypnose ab, so stellt sich die Frage: Hält dieses ideologische Konstrukt überhaupt der geopolitischen Realität stand?

Immerhin schließt Röpke sich Kennans Überzeugung an, „dass der durch Kennan gewiesene Weg der richtige ist“, weil die Verfassungsentwicklung „aus den russischen Verhältnissen selber herauswachsen (muss)“ bzw. „kein synthetisches Produkt“, keinen „russischen Abklatsch der westlichen Demokratie“ sein kann (66). Denn die beiden erwähnten Extreme gehen „deshalb in die Irre, weil sie beide in jeweils verschiedener Art die Eigenart des Totalitarismus ignorieren“. Die „Eindämmer“ und „Stabilisierer“ seien – meint Röpke – „blind gegen den vulkanischen Charakter eines solchen Regimes“, wohingegen das andere kriegerische Extreme nicht begreife, „dass dieser totalitäre Imperialismus notwendigerweise auf einer ungeheuren Spannung zwischen der Regierung und der . . . geknechteten Bevölkerung beruht . . . Verkennt das eine Extreme die äußere Dynamik des Totalitarismus, so das andere seine innere“ (67).

Die Geisteshaltung von 1951 revidiert Röpke allerdings acht Jahre später insofern, als er von der westlichen „Konfusion“ und davon spricht, dass wichtiger als alles andere „die endliche Überwindung der geistigen Verwirrung und der moralischen Lethargie“ sei. „An diesem Kernübel leiden alle jene, die – wie etwa Walter Lippmann oder George Kennan – den Weltkonflikt von heute immer noch nach den Kategorien des diplomatischen Denkens“ beurteilen.24 Was schlägt nun Röpke selber vor? Gar nichts! Zum Schluss seines Lamentierens stellt er resigniert fest: „So bleibt uns nichts anderes übrig, als von zwei Dingen eines zu tun: entweder unterzugehen . . . oder . . . tapfer, ehrlich und klug zu sein“ (49).

Boris Shub (1912-1965)

Der amerikanische Publizist russischer Herkunft Boris Shub (1912-1965) war ein Mitbegründer der Radio Liberty (1959 in Radio Svoboda umbenannt), sozusagen >ein Mann der ersten Stunde<. Shub war der Einzige unter den Diskutanten, der Kennans Aufsatz frontal angriff. „Wenn George Kennan seine Position bis zur letzten Konsequenz durchdacht hätte“ – distanziert Shub sich gleich zu Beginn -, „wäre sein Aufsatz wirklich ein Meilenstein auf dem Wege zu einer neuen demokratischen Außenpolitik geworden. Leider ist er aber gerade an der Stelle stehengeblieben, an der ein Weiterschreiten besonders notwendig gewesen wäre.“25 Woran stößt Shub sich? Kennans Geisteshaltung passt ihm nicht: zu seicht, zu friedfertig.

Immerhin akzeptiert er Kennans „drei Grundgedanken“: (1) Der Totalitarismus sei nicht ein Gebrechen allein der Deutschen, Chinesen oder Russen, sondern eine Menschheitskrankheit; (2) Selbst „ein totaler Krieg“ hat „die Krankheit des Totalitarismus“ nicht heilen können; (3) Wir sollten das russische Volk auf unsere Seite haben, um die Sowjetmacht besiegen zu können. Es sei heute nicht einfach – meint Shub anschließend – „Politikern und Generalen klarzumachen, dass der totale Krieg nicht die ultima ratio sein kann, um die totalitäre Tyrannei zu beseitigen“. Das sei „der Kern des Problems“ und es liege darum allein in unserer Hand, ob wir den „Kampf gegen den kommunistischen Despotismus mit politischen Waffen“ führen oder in einen „selbstmörderischen Krieg“ stürzen werden (256).

Es sei auch völlig abwegig, wenn wir uns, um die „Freundschaft“ der Völker Russlands zu gewinnen, „mit anderen Despoten“ oder „mit anti-russischen (nicht anti-totalitären) Emigranten“ verbinden. „Wer glaubt, Russland >desintegrieren< zu können, indem er sich anti-demokratischer Kräfte und galizischer Faschisten bedient, die in der Ukraine die Hilfstruppen der SS waren, kann bestenfalls dazu beitragen, die Sache der Demokratie zu >desintegrieren<“ (256). Eine solche Außenpolitik sei nachShubs scharfer Kritik nichts anderes als die „Neuauflage der Rosenbergschen Russlandpolitik“ und sie erfreut sich „trotz Kennans kluger Kritik der Unterstützung durch höchste Stellen. Der ideologische Hintergrund dieser opportunistischen Politik ist dabei nichts anderes als das gängige Schlagwort von der >jahrhundertealten Anmaßung der Moskowiter< . . . Und trotz der bitteren Lehre . . . gibt es Menschen, die auch heute die einzige Antwort auf den Totalitarismus darin sehen, dass das >Moskowiterreich< vernichtet und Russland in ein Dutzend oder mehr Staaten aufgeteilt wird“ (256 f.).

Bei aller Zustimmung zur Anti-Kriegs-Rhetorik wendet Shub sich entschieden gegen Kennans „Nichteinmischung“-Doktrin, die „jegliche praktische und geistige Unterstützung der Völker Russlands in ihrem Freiheitskampf ablehnt“. Er plädiert vielmehr für „Propaganda in Verbindung mit Taten, die eindeutig zeigen, dass wir die Russen als unsere freiwilligen Verbündeten ansehen“. Sie sei „der Anfang des politischen Sieges über das Stalin-Regime, der Anfang zum Sturz des stalinistischen Totalitarismus durch revolutionäre Mittel“ (257). Längst interveniere Amerika im Gegensatz zu „Kennans passiver Doktrin der >Nichteinmischung<“ „mit politischen, wirtschaftlichen und militärischen Mitteln ebenso, wie die Sowjetunion überall interveniert“. Wer wie Kennan glaube, dass der Westen bei einiger Geduld den Zerfall des „Despotismus in Russland“ erleben werde, riskiere „bei den gegenwärtigen Spannungen und der allgemein herrschenden Furcht vor dem dritten Weltkrieg ein Zerfallen der Freiheit in den heute noch freiheitlichen Ländern, dem ein entsetzliches Gemetzel folgen würde . . .Zu wenig und zu spät gehandelt zu haben, ist ein Preis, den zu zahlen die Welt sich nicht leisten kann“ (258).

Hubert Ripka (1895-1958)

Im Gegensatz zu Boris Shub äußert der tschechoslowakische Journalist und Publizist Hubert Ripka (1895-1958) sich begeistert über Kennans Aufsatz, der „geradezu als ein Musterbeispiel für die Behandlung aller internationalen Fragen gelten (könnte). Nur selten gelingt es einem Staatsmann, sich in diesem Maße über die Leidenschaften, die Vorurteile, die täglichen Sorgen und Einzelheiten der praktischen Politik zu erheben“26. Woher kommt diese Begeisterung? Von einem Versuch, das gegenwärtige Spannungsverhältnis zwischen dem Sowjetrussland und den USA konstruktiv anzugehen? Mitnichten!

Zwar stimmt Ripka Kennans Überzeugung, dass Amerika in Bezug auf die wirtschaftlichen und politischen Institutionen keinen „russischen Abklatsch der westlichen Demokratie in ihrer Idealform“ erwarten dürfe. Entscheidend ist aber für Ripka Kennans Auffassung, dass „eine Aufteilung der Sowjetunion“ nicht „wünschenswert“ sei (259).

Nachdem er sich „mit dieser Auffassung Kennans völlig einverstanden“ erklärt hat, entwickelt Ripka – bemerkenswert genug in Anbetracht der überwiegend ideologisch geführten Konfrontation -, eine regelrechte >geopolitische Theorie<, die auch ihn als Mitteleuropäer unmittelbar betraf. Denn die „Zerstückelung Sowjetrusslands“ könnte seiner Meinung nach „nicht nur den Völkern des russischen Reiches schaden; sie würde „auch eine gesunde Reorganisation Europas und der Welt erschweren . . . Ein zerstückeltes Russland würde bestimmt alle expansionistischen Tendenzen ermutigen, sowohl diejenigen, die heute noch in Europa nicht völlig überwunden sind, als auch diejenigen, die in Asien im Aufsteigen begriffen sind. Wo immer ein alter oder neuer Imperialismus eine Betätigung sucht, wird er versucht sein, die verschiedenen Völkergruppen eines zerstückelten Russlands gegeneinander auszuspielen und dadurch neue internationale Komplikationen und Konflikte hervorzurufen. Und wäre es nicht ein Rückschritt, in einer Zeit, in der die Notwendigkeit des Zusammenschlusses mehrerer Völker zu einem größeren föderativen Ganzen immer dringender wird, diesen großen eurasischen Komplex aufzulösen, der alle Vorbedingungen erfüllt, zu einer großen Konföderation freier Völker zu werden? Aus allen diesen Gründen wäre meiner Ansicht nach eine Aufteilung des bisherigen Russlands verhängnisvoll“ (259 f.).

Aus der Sicht eines Mitteleuropäers wäre das in der Tat ein Rückschritt; aus der geostrategischen Sicht der USA wäre das aber ein Riesenfortschritt. Als ein besorgter Mitteleuropäer wusste Ripka vor dem Hintergrund der leidvollen Erfahrungen der 1930er-Jahre und insbes. des Münchener Abkommens von 1938 (worauf er ausdrücklich hinweist) ganz genau, wovon er spricht. Diese geopolitischen Überlegungen wurden aber ideologisch verdrängt und spielten in Zeiten des Kalten Krieges vordergründig gar keine Rolle.

3. War der »Kalte Krieg« alternativlos?

Die lebhaft und kontrovers geführte Debatte über Kennans „Amerika und Russlands Zukunft“ hat die ganze Ambivalenz der in Zeiten des ausgebrochenen „Kalten Krieges“ verbissen und unerbittlich geführten Konfrontation zwischen der Sowjetunion und den USA offengelegt. Diese Ambivalenz war die wesentliche Ursache für alle Missverständnisse, Fehlurteile, Vorurteile und Unterstellungen, die beiderseits der ideologischen und geopolitischen Barrikade stattgefunden haben. Zum einen sehen wirvordergründig den absoluten Vorrang der Ideologie vor Geopolitik, die zu einer systemideologischen Auseinandersetzung zwischen dem Sowjetsystem und der sog. „freien Welt“ geführt hat. Zum anderen heizte eine im Verborgenen wuchernde geopolitische Konfrontation zwischen dem (sowjetischen) Imperium und dem von den USA dominierten Westen zusätzlich die Spannungen an.

Im Vordergrund stehen aber der „alles überragende Ideologiefaktor“ und die aus ihm resultierende Bedrohungswahrnehmung, welche „die nach den tatsächlichen geostrategischen Interessen im Grunde in jeder Administration vorgenommene Konzeptualisierung der amerikanischen Außenpolitik immer wieder (blockierten)“ und „sie zugunsten von ad hoc-Entscheidungen und reaktivem Krisenmanagement auf(hoben)“.27

Wäre es ideologisch zugegebenermaßen noch vorstellbar, dass das sowjetische System wegen seines ihm innewohnenden Totalitarismus aggressiv sei und darum auf Expansion hinaus sein könnte, so wäre eine geopolitische Expansion zwecks Erringung der Stalin vom Westen propagandistisch unterstellten und systemideologisch begründeten Weltherrschaft kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges völlig ausgeschlossen. Der sog. „sowjetische Totalitarismus“ führte eben nicht zwangsläufig zur geopolitischen Expansion, und zwar aus ganz einfachem Grund: Das Sowjetimperium war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges pleite und eine ökonomische Ruine. Zu einer wie auch immer gearteten Expansion oder gar einem Streben nach Weltherrschaft war es geopolitisch weder handlungsfähig noch handlungswillig. Nichts als Frieden wünschte sich das siegreiche, aber eben ökonomisch ruinierte kommunistische Reich selbstverständlich zu eigenen Bedingungen.

Ideologische Konfrontation hat aber vordergründig alles überlagert. Sieht man jedoch von den ideologisch unüberbrückbaren Gegensätzen ab, so fehlte den USA darüber hinaus jedes Verständnis für die sicherheitspolitischen, ökonomischen und sozialen Belange Sowjetrusslands. Blieb das Territorium der USA von den Kriegseinwirkungen, einer Verelendung der Bevölkerung, Flüchtlingsströmen usw. völlig verschont und blickte die US-Gesellschaft als siegbewusste Nation im Vollgefühl ihrer Kraft und Selbstsicherheit zuversichtlich und hoffnungsschwanger in die Zukunft, so stand die östliche Siegermacht vor dem Nichts. Die kolossalen Zerstörungen des Landes waren herzzerreißend: „1.710 Städte waren vernichtet, mehr als 70.000 Dörfer, 70.000 Kilometer des Eisenbahnnetzes, 4.100 Eisenbahnstationen, 427 Museen (von insgesamt 992), 40.000 Krankenhäuser, 43.000 Bibliotheken, 44.000 Theater, Klubs und Kulturräume, 84.000 Schulen und Forschungsinstitute; zusammen wurden 6 Millionen Gebäude verbrannt oder zerstört und 25 Millionen obdachlos“28, von Millionen Opfern ganz zu schweigen.

Der Zweite Weltkrieg hat Sowjetrussland in die Steinzeit zurückgebombt. Die Ausgangspositionen der beiden Siegermächte und ehem. Bündnispartner, die beim Eintritt in die Friedenszeit ideologisch feindselig gegenüberstanden und völlig zerstritten waren, konnten darum kaum ungleicher sein. Die Eskalations- und Konfrontationsdominanz war gestern wie heute eindeutig auf der Seite eines geoökonomisch viel mächtigeren US-Gegenparts, von der atomaren Monopolstellung der USA (bis 1949) ganz zu schweigen. Die USA suchten nun in den eingebrochenen Friedenszeiten im Gefühl der eigenen ökonomischen und militärischen Überlegenheit die Spielregeln der Friedenszeit zu diktieren und ist dabei kläglich gescheitert, weil sie nichts außer der eigenen, ideologisch motivierten Nabelschau in der Hand hatten.

Vor dem Hintergrund dieses Steinzeitzustandes war der „sowjetische Totalitarismus“ weder zum „Expansionismus“ noch zur „Weltherrschaft“ fähig und willig. Der ideologisch geführte Feldzug der USA zur Rettung der „freien Welt“ gegen den Weltkommunismus unter Führung der Sowjetunion war eine Fehlinvestition sondergleichen, hat dieser ja unnötig den sog. „Kalten Krieg“ vom Zaun gebrochen und dadurch eine sinnlose Eskalation herbeigeführt, die nicht nur zahlreiche Regionalkriege auslöste, sondern auch den Weltfrieden gefährdete. Da kann man nur vom Glück sprechen, dass sie nicht in einen Dritten Weltkrieg ausartete.

Es ist zugegebenermaßen auch nicht so einfach, die Wirrsal der Motive zu entwirren und Leitmotiv oder gar Alleinmotiv zum Ausbruch des Kalten Krieges zu identifizieren. Natürlich sind in Denken und Handeln Stalins genauso, wie Trumans, ideologische und imperiale, offensive und defensive Antriebe unentwirrbar vereint gewesen. Es wäre aber fahrlässig und unverantwortlich, von Stalin seitens Truman zu erwarten, dass dieser nach einem solchen grausamen Krieg und in Anbetracht der Vorgeschichte der 1930er-Jahre – um mit Golo Mann zu sprechen – „brav zu den Grenzen von Brest- Litowsk oder Riga“ zurückkehren würde29.

„Ein zaristischer Sieger“ – meint Golo Mann (ebd.) zu Recht – „hätte Polen wieder geschluckt. Stalin hat das, der Ideologie zuliebe, nicht getan, Chruschtschow erst recht nicht. Darum ist, nationalpolitisch betrachtet, Polen heute besser dran als je seit 1772. Und der Wille, die Früchte des Sieges zu sichern, die grauenvolle Prüfung von Hitlers Krieg nicht noch einmal zu erleben, sollte in der russischen Politik der Nachkriegszeit keine Rolle gespielt haben? Der Wille, in den Randstaaten, die im Niemandsland zwischen den beiden Kriegen sich als so schwach, wetterwendisch und dem Feind Gelegenheiten bietend erwiesen haben, eine feste, ihm günstige Ordnung zu schaffen, sollte die Hand Russlands nicht auch geführt haben? Die russische Position in der DDR, die Polen und Böhmen von Westen her kontrolliert, das wiederauferstandene Deutschland und seinen amerikanischen Bundesgenossen von der Oder fernhält, sollte nicht auch eine militärische Rolle spielen? Russland sollte den Krieg, begonnen von einem Gegner, in dessen Seele er nicht blicken kann . . . und dessen militärische Repräsentanten nur zu gern bramarbasieren, nicht auch fürchten, für den Ernstfall sich nicht bessere Ausgangsstellungen sichern wollen, als jene waren, die es 1941 besaß? Man muss ein stark ideologischer Anti-Ideologe sein, um solche Fragen glatt zu verneinen.“ Besser als Golo Mann könnte man kaum noch den Sinn und Widersinn dieser „ideologischen Anti-Ideologen“ des Kalten Kriegesentlarven.

Nun gehört das Sowjetsystem längst der Vergangenheit an und man fragt sich: Welchen Sinn haben manche politisch relevanten Voraussagen, deren „Erkenntnisse“ in einer fernen, sehr fernen Zukunft möglicherweise wahr werden könnten? Die „Erkenntnisse“ darüber, was in der fernen Zukunft möglicherweise eintreten könnte, sind für das politische Handeln, das kurzfristig hier und heute stattfindet, nicht nur wertlos, sondern können auch unter bestimmten Umständen fatale Wirkung entfalten. George F. Kennan und sein Debattierclub haben diese Fatalität ihrer Urteile, Fehlurteile und Vorurteile – auf kurze Frist gesehen – deutlich zur Schau gestellt.

„Auf lange Sicht sind wir alle tot“, merkte der berühmte Verfasser der „General Theory“ John Maynard Keynes spöttisch in einem Radio-Interview 1939 an. Und auf kurze Sicht?

Anmerkungen

1.  Zur Geschichte der Zeitschrift „Der Monat“ siehe Marko Martin, Orwell, Koestler und all die anderen. Melvin J. Lasky und „Der Monat“. Leipzig 1999.
2.  Kennan, G. F., Amerika und Russlands Zukunft, in: Der Monat 34 (1951), 339-353.
3.  Die „Monat“-Hefte 37 und 39 (1951).
4.  Dazu statt vieler Schröder, H.-J., Von der Anerkennung zum Kalten Krieg: Die USA und die Sowjetunion 1933-1947, in: Niedhart, G. (Hrsg.), Der Westen und die Sowjetunion. Paderborn 1983, 177-204, 193 f.
5. Siehe dazu Knapp, M., Die Einstellung der USA gegenüber der Sowjetunion in der Periode des Kalten Krieges 1947-1969, in: Niedhard, G. (Hrsg.), Der Westen und die Sowjetunion. Paderborn 1983, 205-234 (212 FN 23).
6. Knapp (wie Anm. 5), 212.
7. Loth, W., Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941-1955. München 1980, 63 FN 16.
8. Корниенко, Г. М., Холодная Война. Свидетельство её участника. Москва 1995, 9 ff.
9. Loth (wie Anm. 7), 115 f.
10. Ebd., 116.
11. Корниенко (wie Anm. 8), 18: „Cталин . . . был настроен на длительное послевоенное сотрудничество с Западом, и прежде всего с США“.
12. Loth (wie Anm. 7), 117.
13. Ebd., 118.
14. Ebd.
15. Knapp (wie Anm. 5), 215.
16. Ebd., 216.
17. Böckenförde, E.-W., Der Rechtsbegriff in seiner geschichtlichen Entwicklung, in: Archiv f. Begriffsgeschichte XII (1968), 145-165 (160).
17a. Zur russischen ewigen „Suche nach Ganzheitlichkeit“ (iskanie celostnosti) siehe Silnizki, M., Russische Wertlogik. Im Schatten des westlichen Wertuniversalismus. Berlin 2017, 112 f.
18. Steinmann, F./Hurwicz, E., Konstantin Petrowitsch Pobedonoszew: der Staatsmann der Reaktion unter Alexander III., Königsberg 1933; 1859 bis 1865 war Pobedonoszev Rechtsprofessor an der Moskau Universität und später (seit 1880) der berühmt-berüchtigte Ober-Prokuror der Heiligen Synode.
19. Coing, H., Grundzüge der Rechtsphilosophie. Berlin – New York 51993, 156.
19a. Vgl.Kennan(wieAnm.2),348 „NirgendwoaufErdenhatdasschwacheFlämmchendesGlaubens an Würde und Barmherzigkeit des Menschen unsicherer in den Stürmen der Zeit geflackert als hier. Und doch ist es niemals erloschen; es leuchtet noch heute, sogar im Herzen des russischen Reiches, und wer den Kampf des russischen Geistes durch die Jahrhunderte verfolgt, kann nur voller Bewunderung sein Haupt neigen vor dem Volk, das dieses Licht durch alle Leiden und Opfer bewahrt hat.“
20. Aron, R., in: Der Monat 37 (1951), 50-54 (50).
21. Stepun, F., in: Der Monat 37 (1951), 54-56 (54).
22. Dallin, D. J., in: Der Monat 37 (1951), 59-62 (59).
23. Röpke, W., in: Der Monat 37 (1951), 65-67 (65).
24. Röpke, W., Umgang mit Bolschewisten, in: Politische Meinung 39 (1959), 37-49 (39).
25. Shub, B., in: Der Monat 39 (1951), 255-258 (255).
26. Ripka, H., in: Der Monat 39 (1951), 258-260 (258).
27. Fröhlich, S., Zwischen selektiver Verteidigung und globaler Eindämmung. Geostrategisches Denken in der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik während des Kalten Krieges. Baden- Baden 1998, 20, 550.
28. Zitiert nach Karlheinz Deschner, Der Moloch. „Sprecht sanft und tragt immer einen Knüppel bei euch!“. Zur Amerikanisierung der Welt. Stuttgart und Wien 1992, 283.
29. Mann, G., Wenn der Westen will, in: Neue Rundschau 75 (1964), 592-610 (600).