Götterdämmerung

Michael Silnizki. Gipfel der Ratlosigkeit

Übersicht

1. Die Glaubenskrieger unserer Zeit
2. G7-Sandkastenspiele
3. Der Nato-Gipfel in Madrid
4. Geschichte als säkularisierte Eschatologie

Anmerkungen

„Alle Passionen haben eine Zeit, wo sie bloß verhängnisvoll
sind, wo sie mit der Schwere der Dummheit ihr Opfer
hinunterziehen.“
(Friedrich Nietzsche)1

1. Die Glaubenskrieger unserer Zeit

Der Westen verhält sich heute wie „der tolle Mensch“, der auf der Suche nach der Selbstrettung und der Rettung der ganzen Welt herumirrt, ohne Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit zu haben. „Der tolle Mensch“ lief auf den Markt, sprang und schrie unaufhörlich: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“ „Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! … Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ „Wohin bewegen wir uns?“, fragt „der tolle Mensch“ weiter und er antwortete verzweifelt mit der Gegenfrage: „Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts?“

Diese berühmte Passage aus Nietzsches „Der fröhliche Wissenschaft“ (Drittes Buch, 125) kommentiert Wilhelm Weischedel mit den Worten: „Nietzsche weiß sich mit dieser beklemmenden Sicht auf die Zukunft einsam in seiner Zeit.“2 Was würde „der tolle Mensch“ uns heute sagen? Wohin bewegen wir uns? Irren wir nicht durch ein unendliches Labyrinth von Gewalt, Drohungen, Eskalation und immer wieder Kriegen? Im Auftritt des „tollen Menschen“ zeigt sich die Rebellion gegen die Neuzeit, deren wichtigste Erscheinungsform laut prägnanter Formulierung von Christoph Türcke „die zum Extrem gesteigerte Vernunftpassion“ ist, deren Extrem wiederum darin besteht, „alle wirkende Kraft eindeutig zu bestimmen als Wille zur Macht.“3

Den tollen Menschen, der „an dem Versuch toll (wird), nicht toll zu werden“4, verkörpert heute die westliche Moderne, die mit missionarischem Eifer, die Welt „retten“ zu wollen, aufgeladen ist. Sie ist im Gegensatz zum „tollen Menschen“ nicht mehr auf der Suche nach Gott, wohl aber auf der Suche nach der Rettung ihrer als „universal“ postulierten, „regelbasierten“ Weltordnung vor dem Hintergrund der tektonischen geopolitischen und geoökonomischen Verschiebungen des globalen Raumes zu Lasten der westlichen Hemisphäre.

Der Westen repräsentiere nach eigenem Glaubensbekenntnis den universalen Weltmenschen überhaupt und präsentiere sich als den Vorposten der Weltgeschichte. Deswegen tritt er wie ein Glaubenskrieger auf, der im Namen der „universalen Werte“ notfalls mit Gewalt seine „regelbasierte“ Weltordnung verteidigen will. Mit Entsetzen stellt er aber fest, dass es erst jetzt tatsächlich zum „Ende der Geschichte“ kommt, nur ganz anderes, als Francis Fukuyama es vor dreißig Jahren vermutet hat. Nicht die immerwährende Dominanz der „liberalen Demokratien“, sondern das absehbare Ende der westlichen bzw. US-amerikanischen Welthegemonie bestimmt heute die Geschicke des globalen Raumes.

Über den weiteren Gang der Weltgeschichte entscheidet nämlich nicht etwa der in moralischer Selbstüberhöhung, axiologischer Selbstermächtigung und ideologischer Selbstüberzeugung eingehüllte unbändige Machtwille des Westens, sondern allein der geoökonomische und militärische Wettbewerb zwischen den geopolitischen Rivalen. Und hier verliert der Westen zunehmend seine militärische und geoökonomische Weltdominanz.

Die westliche Moderne ist eingespannt in die Zwänge seiner Universalideologie, welche die eigene Hypermoral propagiert, zugleich aber die außerwestliche Lebenswelt mit ihren mannigfaltigen Wertordnungen ausblendet, sie für irrelevant erklärt und letztlich entwertet. Die westliche Universalideologie demonstriert damit heute nur, wie wertlos sie selbst außerhalb ihrer eigenen westlichen Hemisphäre geworden ist. Darum wird die westliche Moderne genauso wie „der tolle Mensch“ an der eigenen Universalideologie toll, ohne dabei toll werden zu wollen.

Dass die westliche Universalideologie in der außerwestlichen Welt im Schwund begriffen ist, bedeutet, dass damit auch aller Glaube an das durch die „westlichen Werte“ geeinte Weltmenschentum hinfällig geworden ist und dass neben diesem abstrakten Weltmenschen auch eine andere Weltordnung und andere Wertordnungen existieren können und dürfen.

Sollte es aber keine westliche Weltdominanz mehr geben, dann wird auch die westliche Moderne von der außerwestlichen Welt in Frage gestellt. Dann wird sie versuchen, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, bevor sie erneut die anderen zu „beglücken“, d. h. zu „heilen“ und zu „retten“ sucht, ohne dabei sicher zu sein, dass sie ihre eigene Selbstheilung heil überstehen wird. Dann wird sie zum Glaubenskrieger und es gibt dann auch keinen Halt mehr, keine Grenze und keine Begrenzung für ihre exzessive Machtausübung. Dann wird der Machtwille gnaden-, erbarmungs- und grenzenlos ausgeübt.

Wenn der Westen also seine Vormachtstellung im globalen Raum verlieren und nicht im Zentrum des globalen Raumes stehen würde, dann würde die Welt aus seiner Sicht nicht mehr lebenswert sein und hätte keine Existenzberechtigung mehr. Dann würde die toll gewordene westliche Moderne entsetzt und entgeistert fragen: Hat diese Welt ohne die westliche Hegemonie dann überhaupt noch eine Zukunft? „Irren wir (dann) nicht (sinnlos) wie durch ein unendliches Nichts?“ Und erscheint die Weltgeschichte dann nicht weiter als „Sinngebung des Sinnlosen“ (Theodor Lessing)?

Die außerwestliche Welt würde darauf womöglich mit einer Gegenfrage reagieren: Ist es nicht längst an der Zeit, dass der Westen auf seinen Machtanspruch verzichtet, die außerwestliche Welt dominieren zu wollen und ihr vorzuschreiben, wie sie zu leben, zu denken und zu handeln hat.

2. G7-Sandkastenspiele

Muss es unsereinem nicht, wenn man die Außenpolitik des Westens vergegenwärtigt, so vorkommen, als sei sie in unserer Zeit an ihr unwiderrufliches Ende gekommen? Und können wir uns damit abfinden? Es steht viel auf dem Spiel. Die Abwesenheit der Außenpolitik, an deren Stelle längst die Außenideologie5 getreten ist, gefährdet den Weltfrieden. Die Außenpolitik ist fragwürdig geworden, weil sie längst an Bedeutung eingebüßt hat. Ihre Fragwürdigkeit spürt man unmittelbar darin, dass sie durch die außenideologisch sanktionierte Geopolitik substituiert wurde.

Wer das leugnen will, versperrt sich von vornherein den Zugang zu der hier und heute stattfindenden geopolitischen Großmächterivalität. Man könnte einwenden, dass es auch früher nicht besser war. Die geopolitischen Spannungen scheinen allerdings seit dem Ende des Ost-West-Konflikts tief- und weitgehender denn je zu sein. Und die Kluft zwischen universaler Abstraktion und konkreter Realität, Außenideologie und Außenpolitik, Wunschdenken und Pragmatismus scheint ebenfalls tiefer denn je geworden zu sein.

Statt Diplomatie zu aktivieren und sich um Frieden zu bemühen, liefert der Westen lieber die Waffen an die Ukraine, führt einen selbstzerstörerischen Wirtschaftskrieg gegen Russland und phantasiert wider besseres Wissen vom Sieg der Ukraine über Russland. Es ist verrückt, aber wahr: Der Westen hat sich geoökonomisch und militärisch verrannt. Die Wirtschafssanktionen schaden mehr dem Westen als Russland. Je mehr er in seinem hypermoralischen Wutausbruch das Bedürfnis verspürt, Russland um jeden Preis zu bestrafen, umso groteskere Züge nehmen seine Sanktionsmaßnahmen an.

Im Glauben, die bislang gescheiterte westliche Embargopolitik gegen Russland retten zu können, haben die G7-Staaten auf ihrem Gipfeltreffen in Elmau im Grundsatz einen Preisdeckel für russisches Erdöl und Erdgas beschlossen. Diese groteske Maßnahme zeigt nicht nur, dass der Westen an seine eigene Sanktionspolitik nicht mehr glaubt, sondern dass er in erster Linie auch die eigene Energieversorgung torpediert, ohne Russland in irgendeiner Weise ökonomisch in Bedrängnis zu bringen oder gar vom Krieg abhalten zu können.

Das Ziel war zwar Moskaus Exporteinnahmen drastisch zu reduzieren; in erster Linie war aber das Bestreben, dem dramatischen Anstieg der Energiepreise ein Ende zu setzen, den der Westen ja selber infolge der eigenen Wirtschaftssanktionen verursacht hat. Da Russland seinerseits darauf mit der Einstellung seiner Öl- und Gasexporte reagieren könnte, lässt sich der Preisdeckel in der Praxis gar nicht durchsetzen.

Manch ein Experte behauptet dessen ungeachtet: „Eine Preisobergrenze gegen Russland braucht es dringend. Ansonsten befördert Europa den Krieg in der Ukraine noch, anstatt ihn zu stoppen.“6 Der „Experte“ merkt nicht einmal, wie sehr er dabei indirekt Europas Waffenlieferungen als den eigentlichen Kriegsbeförderungsgrund verharmlost. Immerhin werden zunehmend Stimmen lauter, die darauf hinweisen, dass der Westen „wirtschaftlich … nicht mehr in der Lage (ist), eine weltumspannende Koalition der Willigen gegen den Aggressor im Kreml auf die Beine zu stellen. Deshalb konnte die G7 nicht einfach einen Preisdeckel für russisches Öl beschließen, unter dem sich dann der Rest der Welt versammeln würde.“7

Der Rest der Welt spielt in der Tat nicht mehr mit! Was für eine zwar späte, aber nicht zu späte Erkenntnis! Zutreffend ist auch die Feststellung, dass „weder G7 noch Nato … in der Lage (sind), westliche Interessen weltweit durchzusetzen“ (ebd.). Wir laufen schon längst auf eine „Blockbildung in der Welt hin, verbunden mit einem Rückbau der Globalisierung“, was insbesondere Deutschland „mit seinem großen industriellen Sektor so hart treffen (würde) wie keine andere große Volkswirtschaft.“8

Auch das angekündigte, aber nicht von allen G7-Staaten mitgetragene Importverbot für russisches Gold ist nichts weiter als ein PR-Gag. Zwar gehört Russland zu den größten Goldproduzenten weltweit und hat mit seinem Export im vergangenen Jahr 14,7 Milliarden Euro verdient, wovon mehr als 90% nach Großbritannien verkauft wurden. Für ein Goldembargo hat diese Erkenntnis „wenig Aussagekraft.

Denn der Export nach Großbritannien ergab sich daraus, dass dort mit der London Bullion Market Association (LBMA) der wichtigste Handelsplatz für Gold weltweit angesiedelt ist. Von der LBMA allerdings sind die großen russischen Goldraffinerien bereits Anfang März ausgeschlossen worden. >Ein Importverbot würde aktuell nichts ändern<, urteilt ein Liechtensteiner Fondsmanager; es handle sich um >reine Symbolpolitik<. Zudem hat Russland jederzeit die Möglichkeit, sein Gold nach Asien zu verkau-fen, etwa nach Indien, das über eine milliardenschwere Schmuckindustrie verfügt. Die Schmuckindustrie steht Berichten zufolge für 37 Prozent der weltweiten Goldnachfrage.“9

„Darüber hinaus kündigen die G7 an, in den nächsten fünf Jahren 600 Milliarden US-Dollar für Projekte zum Infrastrukturausbau weltweit zur Verfügung zu stellen. Damit wollen sie Chinas Neuer Seidenstraße (Belt and Road Initiative, BRI) nach Möglichkeit das Wasser abgraben. Der Plan ist nicht neu. Bereits auf ihrem Gipfeltreffen im vergangenen Jahr in Cornwall hatten die G7 ein großdimensioniertes Infrastrukturprogramm beschlossen, das ebenfalls bereits als Konkurrenzprojekt gegen die Neue Seidenstraße konzipiert war. Die EU hatte es Ende 2021 mit ihrem Projekt Global Ga-teway – Volumen: 300 Milliarden Euro – konkretisiert. Erst kürzlich hieß es in einem Bericht, das Vorhaben ziele zwar vor allem darauf ab, die Energie- und Rohstoffversorgung der EU zu sichern; es komme allerdings – wie so viele EU-Projekte – „nicht so richtig von der Stelle“.10

Der G7-Gipfel erweist sich vor diesem Hintergrund als das Festival der Sandkastenspiele. Und es wird von Jahr zu Jahr immer deutlicher, dass sich der Westen selbst geoökonomisch unaufhaltsamer auf dem Rückzug befindet und diese dramatische Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist.

3. Der Nato-Gipfel in Madrid

Auf dem Nato-Gipfel in Madrid beschoss die Allianz die Nato-Erweiterung, die nach eigener Lesart mehr Sicherheit in Europa gewährleisen sollte. Diese Zielsetzung der Allianz wird ein Wunschdenken bleiben. Vielmehr bringt die Nato-Erweiterung nicht mehr, sondern weniger europäische Sicherheit. Sie führt unweigerlich zu mehr Eskalation, zu mehr Spannungen und zu mehr Friedensgefährdung auf dem europäischen Kontinent. Und wer glaubt, dass der „Kalte Krieg“ zurückgekehrt sei, irrt sich. Zum einen war der „Kalte Krieg“ nie richtig zu Ende und zum anderen haben wir heute eine völlig andere Großmächtekonstellation.

Die Nato-Geostrategen täuschen sich, falls sie mit Verweis auf die 1990er-Jahre erneut auf eine Destabilisierung oder gar einen Zerfall Russlands setzen. Dazu wird es weder aus innen- noch aus außenpolitischen Gründen kommen. Gegen die Wand gedrückt bzw. von außen existentiell bedroht, wird Russland sofort und nuklear reagieren, da es sich geostrategisch und militärisch in einer viel schwächeren Position als zu Zeiten des Ost-West-Konflikts befindet.

Im nuklearen Bereich hat Russland heute im Gegensatz zum konventionellen einen beachtlichen, nicht zu unterschätzenden Vorsprung. Die aktuelle militärische Konstellation, in der die Nato Russland im konventionellen Bereich allein schon quantitativ weit überlegen ist, verändert radikal Russlands Sicherheitsstrategie insofern, als diese ihr Augenmerkt verstärkt und erfolgreich auf nukleare Aufrüstung der eigenen Streitkräfte setzt.

Die Sicherheitslage in Europa ist heute – so gesehen – viel gefährlicher als zurzeit des „Kalten Krieges“. Statt aus purem Eigeninteresse auch die Sicherheitsbedürfnisse Russlands anzuerkennen, treibt die Nato Russland bewusst und mit voller Absicht in die Enge und provoziert wie im Falle der Ukraine einen militärischen Konflikt. In ihrem Überlegenheitsgefühl ignoriert sie die Hintergründe des Konflikts, verklärt ihn als russischen Neoimperialismus und führt dadurch die Öffentlichkeit bewusst in die Irre.

Ein Überlegenheitsgefühl setzt aber eine militärische Überlegenheitsstrategie voraus, welche die Nato im Atomzeitalter nicht besitzt, auch wenn die konventionelle Kräftebalance zu ihren Gunsten ausfällt. Denn das nukleare Kräfteverhältnis ist letztendlich auch bei konventionellem Konflikt zwischen den Atommächten maßgeblich, sodass die „neue“ von der Nato beschlossene Abschreckungs- und Eindämmungsstrategie ein alter Hut ist und genauso wie zurzeit des „Kalten Krieges“ als Selbstabschreckung wirkt. Die konventionelle Überlegenheitsstrategie der Nato bleibt im Atomzeitalter gegenstands- und wirkungslos.

Insbesondere die ehemaligen Sowjetsatelliten und heutigen osteuropäischen Nato-Mitglieder setzen auf Provokation und maximale Eskalation im Verhältnis zu Russland wohl im Glauben, für die erlittene Vergangenheit eine Revanche nehmen zu können. Diese verantwortungslose Vorgehensweise ist nichts Neues in den spannungsgeladenen Verhältnissen zwischen Russland und der Nato. Bereits John F. Kennedy war während der Kuba-Krise nach Angaben seines Bruders Robert F. Kennedy11 über die Todesverachtung der europäischen Nato-Verbündeten erstaunt.

Wer keine Verantwortung trägt, kann es sich auch leisten, ein verantwortungsloses Gerede zu produzieren. Ganz anderes sieht es jedoch aus, wenn es um Leben oder Tod der Menschheit geht und man über die Macht verfügt, darüber zu entscheiden. In seinen eben erwähnten Memoiren „Thirteen days“ berichtete Robert Kennedy eindrucksvoll über die dramatischen Ereignisse jener Tage, als die Welt am atomaren Abgrund stand, und zog aus der Kuba-Krise Lehren auch für die künftigen Generationen. In einem einzigen Satz fasste er die Quintessenz dieser Lehren zusammen, die da lautet: „wie wichtig es ist, dass wir uns in die Lage anderer Länder versetzen“.12

„Richtlinie“ bei allen Überlegungen des US-Präsidenten John F. Kennedy war – fügte Robert Kennedy hinzu „das Bestreben, Chruschtschow nicht zu demütigen, die Sowjetunion nicht zu erniedrigen, bei den Russen nicht das Gefühl hervorzurufen, dass sie zu einer Eskalation schreiten müssten, weil ihre nationale Sicherheit oder ihr nationales Interesse sie dazu verpflichtete“ (ebd.). Genau diese geopolitische Lehre des „Kalten Krieges“ wird von der Biden-Administration und ihrer Nato-Satelliten über Bord geworfen und es bewahrheitet sich erneut die Erkenntnisse desselben Robert Kennedys, der uns eindringlich warnte: „Fehlberechnung und Missverstehen und Eskalation auf einer Seite lösen eine Gegenreaktion aus. Keine Aktion gegen einen mächtigen Widersacher entsteht in einem Vakuum. Regierungen oder Völker, die sich dieser Einsicht verschließen, bringen sich selbst in größter Gefahr. Denn auf diese Weise beginnen die Kriege – Kriege, die keiner will, keiner beabsichtigt und keiner gewinnt.“13

Diesem weisen Ratschlag eines erfolgreichen Krisenmanagers haben die heutigen Nato-Geostrategen nichts außer anachronistischen Drohungen, Schmähungen und Verunglimpfungen an die Adresse Russlands entgegenzusetzen. So eine kurzsichtige Russlandpolitik kann uns nur ins Verderben stürzen. Sie erzeugt weniger und nicht mehr Sicherheit in Europa. Der alte Haudegen des „Kalten Krieges“ Joe Biden sollte doch noch in Erinnerung haben, was sein Vorgänger im Amt des US-Präsidenten John F. Kennedy in einer Rede vor der American University (Juni 1963) der US-Geopolitik ins Stammbuch geschrieben hat: „Bei der Verteidigung unserer lebenswichtigen Interessen müssen die Atommächte vor allem solche Konfrontationen abwenden, die einem Gegner nur die Wahl zwischen einer Demütigung oder einem nuklearen Krieg lassen.“14 Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

4. Geschichte als säkularisierte Eschatologie

Die westliche Welt suggeriert, dass es nur eine einzige welthistorische Entwicklung, nämlich ihre eigene gibt, dass die westliche Bestimmung mit der Bestimmung der Welt in einem gesehen werden muss und dass der globale Raum die Bestimmung hat, so zu werden, wie der Westen schon längst geworden ist. Diese säkularisierte Eschatologie ist es, wovon der Westen sein Selbst- und Weltbild hernimmt, und dessen Übernahme den Anderen propagiert.

Das westliche Universum fühlt sich an das Ende der Geschichte gelangt und glaubt, sich in einem Zustand ohne Ende zu befinden. Das ist nichts anderes als eine eschatologische Selbstlegitimation eines geopolitischen Machtanspruchs. Die Geschichte kennt aber kein Ende und keinen Zustand ohne Ende. Es gibt kein Ende ohne Ende. Die Geschichte ist in alle Richtungen änderbar und veränderbar. Der Status quo ist das Wunschdenken der etablierten Machtstrukturen. Das Status-quo-Denken ist geschichtslos, weil bewegungs- und leblos. Die Geschichte ist weder restlos prognostizierbar noch steuerbar noch determiniert.

Nichts kann dessen ungeachtet den Westen in seinem Vorhaben erschüttern, den globalen Raum uniformieren zu wollen, um seinen globalen Machtanspruch perpetuieren zu können. Er verbeißt sich darum in der trügerischen Hoffnung, er allein könne von sich aus dem Rest der Welt geben, was die Lebenswirklichkeit diesem versagt. Der Traum von einer globalen Dominanz in der von „Unfreiheit“ und „Tyrannei“ befreiten Welt mutiert aber meist zur innenpolitisch motivierten Selbstlegitimation des eigenen Wertsystems, woran sich im Übrigen die ganze Fragwürdigkeit der eigenen Werthaltung offenbart. Der im globalen Raum herrschen wollende und ja herrschen sollende, als „absolut“ gesetzte westliche Wertuniversalismus ist ein säkularisiertes Konstrukt der Schöpfungsgeschichte.

Die westliche universale Idee erweist sich nämlich als ein säkularisierter Schöpfungsglaube, dessen Demiurg der Westen selbst ist, der seine Werte dergestalt aus dem Nichts schaffen lässt, dass die außerwestlichen Wertordnungen infolge ihres „Vergänglichkeitscharakters“ an sich selbst zugrunde gehen, von selbst wertlos werden und sich anschließend der „unvergänglichen“, „ewigen“ westlichen Werttransfusion unterziehen lassen. Diese axiologische Grenzen ignorierende und alle völkerrechtlichen Grenzen sprengende säkularisierte Eschatologie macht das Selbstverständlichste zum Allerfragwürdigsten, indem sie den historisch gewachsenen, faktisch existierenden Wertpluralismus negiert.

Weder die antike Welt noch die christliche Theologie haben die Welt so begriffen, wie die westliche Moderne. Verändert hat sich allerdings zunächst nur „das Weltbild von der Welt. Aber was verbürgt uns, dass das moderne Weltbild der mathematischen Physik die physis angemessener versteht, als die Physik etwa des Aristoteles … Es gibt zwar eine moderne Naturwissenschaft, aber keine moderne Natur.“15 Und wer verbürgt uns, dass sich die Weltordnung des globalen Raumes nach der Wertlogik der westlichen Moderne „besser“, d. h. friedlicher gestalten lässt, als die Weltordnung der hier und heute existierenden Staatenwelt? Keiner! Mit Bezug auf den römischen Geschichtsschreiber Titus Livius (um 59 v. Chr. – 17 n. Chr.) möchte man dessen ungeachtet den Nato-Geostrategen zurufen: „Melior tutiorque est certa pax quam sperata victoria“ (Besser und sicherer ist ein gewisser Friede als ein erhoffter Sieg).

Anmerkungen

1. Nietzsche, F., Moral als Widernatur, in: ders., Götzen-Dämmerung. Bindlach 2005, 1051-1101 (1067).
2. Weischedel, W., Die Zeit der ursprünglichen Erfahrungen. Zum Denken zwischen den beiden Weltkriegen (1954), in: ders., Wirklichkeit und Wirklichkeiten. Aufsätze und Vorträge. Berlin 1960, 86-100 (91).
3. Türcke, Ch., Der tolle Mensch. Nietzsche und der Wahnsinn der Vernunft. Frankfurt 1989, 124 f.
4. Türcke (wie Anm. 3), 124.
5. Dazu Silnizki, M., Außenpolitik ohne Außenpolitiker. Zum Problem der Außenideologie in der Außenpolitik. 6. Dezember 2022, www.ontopraxiologie.de.
6. Olk, J., Europäische Fehlkalküle. Der Westen muss sich zu einer Preisobergrenze durchringen. Handelsblatt vom 29. Juni 2022, 17.
7. Riecke, T., Doppeltes Dilemma. Weder G7 noch Nato sind in der Lage, westliche Interessen weltweit durchzusetzen. Handelsblatt vom 29. Juni 2022, 16.
8. Rürup, B., Aufschwung? Welcher Aufschwung? Handelsblatt vom 24./25./26. Juni 2022, 12.
9. Zitiert nach Scheiternde Sanktionen. G7 einigen sich auf Preisdeckel für russisches Öl. Beobachter warnen, Moskau könne den Export nach Europa einstellen. Konkurrenzprojekt zu Chinas Neuer Seidenstraße geplant. german-foreign-policy.com. 28.06.2022.
10. Zitiert nach Scheiternde Sanktionen (wie Anm. 9).
11. Kennedy, R. F., Thirteen days – a memoir of the Cuban missile crisis. 1969.
12. Kennedy, R. F., Dreizehn Tage. Die Verhinderung des Dritten Weltkriegs durch die Brüder Kennedy. Mit Beiträgen von Robert McNamara und Harold Macmillan. Hrsg. v. Theodore Sorensen. Bern München Wien 1969, 135.
13. Kennedy (wie Anm. 12), 136.
14. Zitiert nach Kennedy (wie Anm. 12), 137.
15. Löwith, K., Wissen, Glaube und Skepsis. Stuttgart 1985, 262 f.