Russische Wertlogik vor dem Hintergrund der geopolitischen Spannungen

RUSSISCHE WERTLOGIK erscheint vor dem Hintergrund der geopolitischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen. Die angekündigte Studie strebt an, die wertlogische Eigenart der russischen Kultur sowie die gegenläufigen, geistesgeschichtlich, rechts- und verfassungshistorisch bedingten Entwicklungen des russischen und des europäischen Geistes aufzuzeigen, um u.a. auch die gegenwärtigen, geopolitischen Spannungen erklärbar zu machen.

Die Geschichte des russischen Geistes und seiner Bewusstseinswerdung strahlt einen eigentümlichen Reiz aus und provoziert bei einem außenstehenden Betrachter eine merkwürdige Irritation, die nicht so sehr an einem erkannten Stoff und mutmaßlich stattgefundenen Ereignissen haftet, als vielmehr an der Undefinierbarkeit des Gefühls und dessen weltentrückter Ästhetik, die in sich gekehrt ist und etwas verbirgt, was sich scheinbar der Erkenntnis mittels des westlichen Vokabulars und dessen Begrifflichkeit entzieht. Auch die Art, wie die russische Gegenwart heutzutage wahrgenommen wird, gehört zu jener Gereiztheit, die ein erstaunliches Unvermögen provoziert, das wertlogische Selbstverständnis des anderen, wertfremden Kultur- und Machtraumes zu begreifen.

Stets verbleiben wir in den Niederungen medial verzerrter Realität und wühlen nervös im medialen Abfall der uns aufgetragenen und aufgezwungenen Scheinwirklichkeit. Wir bilden uns ein, das Andere, uns Fremde, wie das Eigene, authentisch zu „kennen“, ohne diese scheinbare „Kenntnis“ des Anderen und auch des Eigenen zu hinterfragen. Welche „Realität“ kann aber in der Tat anziehender sein, als jene Scheinwirklichkeit, deren man sich ständig vergewissert, ohne sie jemals in Frage stellen zu müssen? Und welche Scheinwirklichkeit kann überzeugender, glaubwürdiger, ja verführerischer sein, als jene „Wahrheit“, welche die widerspruchsvolle Wirklichkeit widerspruchslos zu erklären glaubt? Unserer modernen, „aufgeklärten“ Massenkultur ist die Gegenwart zum alleinigen Bezugspunkt ihrer geistigen Existenz geworden. Sie hat verlernt, die Gegenwart geschichtlich zu begreifen; aber gerade im Fehlen des Bewusstseins ihrer eigenen, historisch bedingten Existenz entgeht ihr auch die Fähigkeit, die Andersartigkeit des wertfremden Kultur- und Machtraumes zu reflektieren und zu respektieren.
Wer in die tiefen, von dichtem Staub, Wirbel- und Sandstürmen der längst vergangenen Zeiten, verschütteten Schichten der russischen Geschichte vordringt, wird unschwer die grundverschiedene Entwicklung des russischen und des europäischen Geistes erkennen können. Russland hat sich geistesgeschichtlich ganz anderes als die europäische Kultur entwickelt. Es hat seine eigene Rationalität, seine eigene Wertlogik, seine eigene Ästhetik des Lebens hervorgebracht.

Rechts- und verfassungsgeschichtlich geht Russland ebenfalls seine eigenen Wege. Zu keiner Zeit seiner Geschichte hat es Freiheitsbewusstsein als Rechtsbewusstsein entwickeln können und wollen. An Stelle des neuzeitlichen, auf Freiheitsregulierung bezogenen Rechts tritt eine machtlogisch geleitete Rechtsopportunität als Steuerungsinstrument sozialer, politischer und ökonomischer Prozesse. Tritt die Macht der Freiheit als rechtsungebundene Freiheit der Macht auf, wird Recht machtlos und Freiheit rechtlos. Die russische Verfassungstradition entwickelt sich nicht so sehr nach dem Rechtsprinzip: „Lex facit regem“ als vielmehr nach dem Machtprinzip: „Rex facit legem“. Der „Kampf ums Recht“ fand in Russland nie statt. Was tatsächlich stattgefunden hat und immer noch stattfindet, ist ein immerwährender Kampf um die Macht, nicht um das Recht.

Ein vom Westen geliehenes, liberales Rechtsbewusstsein, das abstrakt und doktrinär an der eigenen Rechtsgeschichte und Rechtswirklichkeit vorbeiphilosophiert, kann darum weder die bestehenden Machtstrukturen noch die tradierte Wertlogik aus den Angeln heben. Dostojewskis Diktum: Russland sei „eben nicht Europa“, es stecke lediglich „in einem europäischen Rock“, worunter sich aber „ein vollkommen anderes Wesen“ verberge, hat nichts von seiner Aktualität und Bedeutung verloren.

RUSSISCHE WERTLOGIK bleibt in ihren historisch bedingten Grundstrukturen gefangen. „Das Neue“ in den zahlreichen Umwälzungen der russischen Geschichte und Gegenwart ist in Wirklichkeit nicht neu, sondern immer wieder eine Modifikation des Alten. Russland hat heute, was es immer schon hatte: eine verklärte Vergangenheit, eine entzauberte Gegenwart und eine glorifizierte Zukunft. Diese merkwürdige und erstaunliche Eigenart der russischen Geschichte und Gegenwart im Vergleich zu den westeuropäischen Entwicklungen zu begreifen und das heißt: geistes-, rechts- und verfassungshistorisch in Begriffe zu fassen, ist das Hauptanliegen der angekündigten Studie.